NZZ // Die perfekte Oberweite - Aikyou // August 2016

 

Nichts sei traumatischer für junge Mädchen als die Erfahrung, die sie mit Brüsten und Büstenhaltern machten, hat die amerikanische Regisseurin und Drehbuchautorin Nora Ephron 1972 in ihrem Essay «A Few Words About Breasts» geschrieben. Selber von Natur aus nicht grosszügig bedacht mit dem, was sie für das sichtbarste Symbol der Weiblichkeit hielt, litt sie darunter. Nichts half: weder Massagen noch das Bespritzen mit kaltem Wasser oder nur auf dem Rücken zu schlafen. Der erste BH-Kauf war demütigend, die Wahl fiel bald auf gepolsterte Körbchen. Einmal bekam sie zu hören, dass sie beim Sex mit ihrem Mann oben liegen sollte, da der Busen so nicht ganz so klein wirkte.

 

Gepushte Sexyness ist nicht mehr gefragt, hat das «Wall Street Journal» festgestellt.

Die Zeiten sind vorbei, in denen einem die Schwiegermutter solche Ratschläge erteilte. Allein die politische Korrektheit verbietet es. Das bekam das amerikanische Unterwäschelabel Victoria's Secret diesen Frühling zu spüren, als es eine BH-Linie ganz ohne Polster lancierte und diese mit dem Satz bewarb: «No Padding Is Sexy Now.» Viele Frauen mit kleinem Busen empörten sich, die Botschaft vermittle, dass ein Büstenhalter ohne Bügel, Fütterung und Push-up-Effekt zuvor nicht sexy und erotisch gewesen sei.

Models mit A-Cup

Interessanter als diese Empfindlichkeiten ist daran folgendes: Wenn inzwischen sogar ein Label auf Natürlichkeit setzt, das bekannt ist für seine dünnen Models mit prallen Décolletés, die sich auch Photoshop verdanken – dann antwortet es auf veränderte Schönheitsideale. Die gepushte Sexyness ist nicht mehr gefragt, so hat das «Wall Street Journal» im Juni festgestellt: Das Kerngeschäft von Victoria's Secret mit Push-ups und Bustiers ist eingebrochen. Die moderne junge Frau will sich frei fühlen in dem, was sie auf der Haut trägt. Das ist aber keine politische Geste mehr, sondern sie mag es einfach sportlich und bequem. Es soll natürlich und trotzdem weiblich aussehen.

 

Er ist das sichtbarste Symbol für Weiblichkeit: der Busen. Frauen setzen ihn ein, um für ihre Rechte zu kämpfen und demonstrieren damit ihre Unabhängigkeit. Sie verhüllen ihn, weil nackte Haut schon sonst überall gratis zu haben ist. Er bleibt ein Blickfang und weiterhin voller Bedeutung.

Nachdem Mitte neunziger Jahre der Wonderbra, für den es ein gewisses Brustvolumen braucht, den Markt beherrscht hat, liegt der Fokus seit einigen Jahren auf der natürlichen Grösse – oder Kleinheit. Designer und Händler haben sich auf kleine BH spezialisiert und ermutigen Frauen mit «Du bist perfekt, so wie du bist»-Slogans.

In Blogs und Artikeln schwärmen Betroffene von den Vorteilen kleiner Oberweiten: Sie wirkten mädchenhaft-jung, nichts störe beim Sport, es lasse sich auf dem Bauch schlafen oder auch einmal auf einen BH verzichten. Schauspielerinnen und Models werden genannt, die A-Cup tragen: Kate Moss, Keira Knightley, Cate Blanchett.

In die Kinderabteilung

«Feminität definiert sich nicht nach Cup-Grösse», sagt Gabriele Meinl, die vor fünf Jahren zusammen mit Bianca Renninger das Lingerielabel Aikyou gegründet hat, das BH von 70AA bis 75B anbietet, ohne Bügel, Einlagen, Rüschen – wenig Stoff, viel Haut. Denn: «Eine kleine Brust soll nicht kaschiert werden.» Sie hatten es beide satt, dass ihnen in Unterwäscheläden suggeriert wurde, sie hätten einen Makel, oder sie sogar in die Kinderabteilung geschickt wurden. Obwohl auch Meinl ein neues Selbstbewusstsein wahrnimmt, sieht sie noch immer viele Frauen, die mit ihrer natürlichen Oberweite unzufrieden sind. «Sie sehen nicht, was sie haben, sondern bloss, was sie haben möchten.» Sie erlebt oft, dass Frauen nicht einmal ihre Körbchengrösse kennen und tendenziell zu grosse BH tragen. «Gerade junge Mädchen wollen ausprobieren, was es heisst, Frau zu sein. Dafür greifen sie zu gepolsterten BH. Sie schnallen sich was auf.» Man werde sehen, ob der Trend zur Natürlichkeit nicht bloss kurzfristig sei.

Sieht man die steigende jährliche Anzahl Frauen, die ihre Brüste operieren lassen, müsste man zum Schluss kommen, dass der angebliche Wandel einem Wunschdenken entspringt. Es wird vergrössert, gestrafft, manchmal verkleinert – heute vornehmlich mit dem Ziel, die Brüste «natürlich aussehen zu lassen», wie Urs Bösch, Facharzt für plastisch-rekonstruktive und ästhetische Chirurgie in Luzern, sagt. Es kommen junge, schlanke Frauen mit entsprechend kleinen Brüsten, junge Mütter, die durch die Geburt an Volumen und Straffheit verloren haben, oder Frauen in den Wechseljahren. Während sie früher oft Fotos von vollbusigen Stars mitbrachten, wünsche sich kaum eine Frau mehr melonengrosse Brüste. «Die Frauen wissen heute, welche Grösse und Form zu ihren Körperproportionen passt.»

Persönlicher Leidensdruck

Ein grosser Busen, dem man seine Künstlichkeit ansieht, wirkt heute bloss vulgär. Er stellt die Trägerin in den Schatten, reduziert sie auf den Körper. Pamela Anderson hat einmal gesagt: «Mein Busen hatte eine fabelhafte Karriere – ich bin einfach immer nur mitgetrottet.»

Ein grosser Busen, dem man seine Künstlichkeit ansieht, stellt die Trägerin in den Schatten, reduziert sie auf den Körper

Man solle nicht sehen, dass man etwas habe machen lassen, sagt auch Cédric George, Leiter des Zentrums für Plastische Chirurgie der Klinik Pyramide am See in Zürich, der schon um die 8000 Brustvergrösserungen vorgenommen hat. Mit Moralistinnen kann er nichts anfangen. Es sei ein Urbedürfnis, sich wohl und gesund zu fühlen, «und das hat mit Natürlichkeit zu tun. Alles ist auf Normalität ausgerichtet, das war schon in der Antike so.» Und weiter: «Es gab in der Schönheitsmedizin nie einen Rubens-Trend, nie einen Twiggy-Trend.» Die Mehrheit wünsche sich eine mittlere Grösse, «Cup B oder das kleine C».

Kein Kind müsse heute mehr schiefe Zähne oder abstehende Ohren haben. Und so würden auch Brüste dem Wunschbild angepasst. Er schätzt, dass ungefähr die Hälfte der Frauen unzufrieden sei mit ihren Brüsten, ein Viertel entschliesse sich irgendwann, etwas zu machen. Ihn interessiert nicht die mögliche gesellschaftliche Norm dahinter, für ihn zählt der persönliche Leidensdruck.

Das Erstaunlichste, wie jeder Schönheitschirurg bestätigt: Es sind nicht die Partner und Ehemänner, die ihre Frauen zu ihnen schicken. Cédric George: «Sonst schicke ich sie wieder heim.» Die Männer sind am Anfang meistens dagegen, weil ihnen ihre Frauen gefielen, wie sie sind. Das beobachtet auch Gabriele Meinl vom Label für kleine BH-Grössen. Sie fragt aber weiter: «Wenn alle den mittleren Wert anstreben – warum soll das natürlicher und schöner sein als kleine Brüste?»

Es bleibt das Trauma der Frauen.

 


Lorenz Isler

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